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Sibirien im Winter

19. January 2005 | de

17447km unterwegs mit Emma




Das Buch zur Reise:


Fernweh

Mit dem Motorrad um die Welt

196 Seiten im Taschenbuchformat mit 41 farbigen Abbildungen und 9 Karten.

Da sitze ich nun also. In einem Holzhaus in einem kleinen Dorf in Sibirien. Mir gegenüber sitzt die Babuschka (Grossmutter) und fraegt mich lauter Sachen auf russisch. Mit Hilfe vom Woerterbuch und meinen 3 Woertern russisch versuche ich zu erahnen was sie von mir wissen will. Und wie die meisten Grossmuetter ist auch sie recht neugierig und hat jede Menge schwieriger Fragen:
Ob es in Deutschland Himbeeren gibt, wie meine Oma mit Vornamen heisst, wann ich beabsichtige zu heiraten… Die Wohnung besteht aus zwei Zimmern. Das eine fungiert als Kinder und Schlafzimmer, das andere als Wohnzimmer, Kueche und Bad. Fliessend(heiss)wasser kommt aus dem Heizkoerper an dem ein Wasserhahn angebracht ist. Das Trinkwasser steht in Milchkannen im Wohnzimmer. Ne Dusche gibts keine, ein Waschbecken dafuer auch nicht. Sich waschen tut man in einer Schuessel, das Wasser wird spaeter in den Garten geschuettet.
Verspuehrt man ein dringendes Beduerfnis so zieht man seine Wintersachen an und wagt sich bei bis zu -40 Grad aufs Klohaeusle am hinteren Ende des Gartens und haengt seinen Hintern in die frische Luft. Erstaunlich wie diszipliniert sich sogar meine Blase unter solchen Umstaenden verhalten kann.
Alles ist blizeblank geputzt und aufgeraeumt.

Vor 4 Tagen landete ich in Irkutsk. Mein Motorrad ist auf dem Weg nach Chile. Da das mindestens einen Monat dauert nuetze ich die Zeit um mir Sibirien im Winter anzuschauen. Ich verbrachte zwei Tage bei Stas, dem Motorradfahrer aus Irkutsk. Danach machte ich mich auf den Weg in den Norden. Ich bin nach Keul eingeladen, ein kleines 1200 Seelen Dorf noerdlich von Ust-Ilimsk. Keul liegt ungefaehr auf dem gleichen Breitengrad wie Stockholm. Durch das kontinentale Klima und mangels Golfstrom ist es hier jedoch deutlich kaelter. Apropos Kaelte: Um es gleich vorneweg zu sagen: Ich fror in Korea deutlich mehr. Das Haus ist an das zentrale Heizungssystem angeschlossen, drinnen ists mollig warm. Draussen muss man sich entsprechend warm anziehen.
Stas hat mir die Jacke und Hose seines Grossvaters ausgeliehen. Er muss wohl ein grosser Mensch gewesen sein. Ich fuehl mich darin in etwa so wie ein kleines Kind was die Sachen der Mama anzieht und damit durch die Gegend stampft. Jedenfalls ists schoen warm drinn. Eine Fellmuetze, ein Geschenk von Mario und Marco, komplettiert die Ausruestung.
Die verschneite Landschaft ist atemberaubend. Hinter dem Dorf fliesst der Angara vorbei. Seine Ufer sind eisbedeckt. Auf dem dampfenden Wasser treiben Eisschollen. Es herrscht eine mystische Atmosphaere. Auch im Dorf gibt es einiges zu entdecken. Hunde sitzen auf den Warmwasserrohren um sich die Pfoten zu waermen. Die Menschen gehen dickvermummt mit Fellmuetzen auf dem Kopf ihren Geschaeften nach. Der Atem gefriert an den Haaren der Mützen und überzieht sie mit Schneekristallen. Leute holen Wasser vom Fluss. Ab und zu knattert ein Isch Gespann vorbei und hinterlässt blaue 2-Takt Wolken in der kalten Luft. Alles ist gefroren. Selbst das Gas in den Feuerzeugen mag nicht mehr verdunsten.
Im Dorf gibts einen Laden, eine Schule und eine Musikschule. Gestern war dort die Neujahrsfeier. Der Raum ist fuer deutschen Geschmack etwas kitschig dekoriert. Darin geben die Kinder ihre Lieder zum Besten. Das Dorf ist klein, die Musikschule noch kleiner, jeder kennt jeden. Ansonsten ist es eine ganz normale Weihnachtsfeier.

Die Sibirier sind auch nicht kaelteresistenter wie “normale” Leute. Wenns kalt wird machen sie dasselbe wie wir: die Heizung an. Draussen ziehen sie sich entsprechend warm an. Frauen wie Maenner haben Pelzmuetzen der Marke “extragross” auf dem Kopf. Die moderne Bekleidungslehre mit ihrem Zwiebelschalenprinzip ist in Sibiren noch nicht angekommen. Ueber Rock und Top kommt ein 2 Tonnen schwerer Pelzmantel der einem Baer gut zu Gesicht stuende.
Das Hauptnahrungsmittel der Sibirier, oder jedenfalls meiner Gastfamilie, sind Brot und Kartoffeln. Ich schaelte und verzehrte in meinem ganzen Leben noch nie soviele Kartoffeln wie in diesen 3 Wochen. Sie werden gekocht, gebraten, kommen in den Salat un ich weiss nicht wo sonstnochhin. Moegen tu ich sie deswegen immer noch nicht. Nudeln werden hier als minderwertig betrachtet und zusammen mit nem alten Knochen an die Hunde verfuettert. Ich freu mich auf richtige Spaetzle mit braunem Zeugs drauf. :-)

Tags: Keul Russland Russland
Map: N 58° 43.295 E 102° 8.059

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Comments:

avatar (18. July 2007)

Jens says:

Wenn ich das so hier in Singapur lese bei 26 Grad runtergekuehlt durch die Klimaanlage wirds mir richtig kalt. Da geh ich doch gleich mal nach draussen in die 35 Grad Hitze.


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